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Länder weltweit haben ihre Klimapolitik in den vergangenen zwei Jahrzehnten deutlich ausgeweitet. Die Zahl der Klimamaßnahmen hat sich seit dem Jahr 2000 vervierfacht, wobei einige Datensätze sogar einen fünfzehnfachen Anstieg zeigen.

Regierungen setzen heute gleichzeitig Dutzende unterschiedlicher Maßnahmen ein – CO₂-Steuern, Subventionen für erneuerbare Energien, Bauvorschriften, Emissionsstandards, Forschungsförderung und mehr. Sie wirken zusammen, beeinflussen sich gegenseitig und haben gemeinsam Auswirkungen auf die Emissionen.

Doch wenn Emissionen sinken (oder nicht), wie lässt sich feststellen, welche Maßnahmen dafür verantwortlich sind? Welche machen tatsächlich einen Unterschied – und unter welchen Bedingungen? Genau vor dieser Herausforderung stehen Forschende der Klimapolitik heute – und wir haben einen Lösungsansatz entwickelt.

Unsere neue Studie analysierte 1.737 einzelne Klimapolitiken in 40 Ländern über einen Zeitraum von 32 Jahren und identifizierte 28 Maßnahmen, die in unterschiedlichen Kontexten konsistent Emissionen reduzieren. Noch wichtiger ist, dass wir einen neuen Ansatz entwickelt haben, der die Bewertung von Politiken in allen Bereichen verändern könnte, in denen die Komplexität stetig zunimmt.

Alte Ansätze

Traditionelle Methoden zur Bewertung von Klimapolitiken stoßen angesichts dieser neuen Realität an ihre Grenzen.

Einige Forschende untersuchen einzelne Maßnahmen isoliert. Das kann hilfreich sein, ist aber vergleichbar damit, einen Fußballspieler nur im Alleingang zu bewerten, ohne seine Mitspieler zu berücksichtigen. Die Ergebnisse – ob positiv oder negativ – lassen sich dann oft nicht auf andere Konstellationen übertragen.

Andere betrachten ganze „Politikpakete“. In unserer Fußballmetapher entspricht das der Bewertung einer gesamten Mannschaft, ohne zu erkennen, welche Spieler den größten Beitrag leisten. Man weiß also, ob das Team gewinnt oder verliert – aber nicht, warum.

Eine viel beachtete Studie aus dem Jahr 2024 verfolgte einen anderen Ansatz: Sie suchte nach plötzlichen Rückgängen der Emissionen und prüfte dann, welche Maßnahmen kurz zuvor eingeführt wurden. Doch auch dieser Ansatz kann Maßnahmen übersehen, die schrittweise wirken und keine sofortigen Effekte zeigen.

Das grundlegende Problem bei der gleichzeitigen Analyse aller Maßnahmen ist statistischer Natur: zu viele Variablen, zu wenig Daten – wie eine Gleichung mit mehr Unbekannten als bekannten Größen.

Ein statistischer Filter

Unsere Lösung basiert auf einem statistischen Ansatz, der einer Reihe immer strengerer Qualitätsfilter ähnelt.

Wenn es zu viele mögliche Erklärungen für ein Ergebnis gibt, braucht man Filter, um echte Effekte von statistischem Rauschen zu trennen. Dafür nutzen wir sogenannte „Bayessche Priors“ – also unterschiedliche Annahmen darüber, wie sich Politiken verhalten sollten.

Wichtig ist, dass wir nicht nur einen Filter verwenden. Stattdessen identifizieren wir Maßnahmen, die mehrere unterschiedliche Filter bestehen. Wenn eine Politik unter verschiedenen Annahmen wirksam bleibt, können wir deutlich sicherer sein, dass sie tatsächlich funktioniert.

Welche Maßnahmen wirken also?

Unser konservativer Ansatz identifizierte 28 Klimapolitiken mit hoher Wahrscheinlichkeit für Emissionsreduktionen. Diese lassen sich in mehrere Kategorien einteilen:

CO₂-Bepreisung und Besteuerung (8 Maßnahmen):
CO₂-Steuern, Emissionshandelssysteme, Staugebühren und Verbrauchssteuern auf fossile Brennstoffe zeigen robuste Effekte – selbst unter Berücksichtigung anderer Maßnahmen.

Energieeffizienz und Standards (5 Maßnahmen):
Energieeffizienzvorschriften für Gebäude, Emissionsstandards, Mindestanforderungen an Energieeffizienz und Tempolimits auf Autobahnen reduzieren nachweislich Emissionen.

Erneuerbare Energien und Forschung (11 Maßnahmen):
Forschungs- und Entwicklungsinvestitionen in CO₂-Abscheidung, Kernenergie, Wasserstoff und erneuerbare Energien sowie Ausbauplanung und Auktionssysteme tragen zuverlässig zur Emissionsreduktion bei.

Berichterstattung und Rechenschaft (3 Maßnahmen):
Pflichten zur Offenlegung von Treibhausgasemissionen zeigen signifikante Effekte.

Abbau von Subventionen (1 Maßnahme):
Die Abschaffung von Subventionen für fossile Brennstoffe im Verkehrssektor senkt Emissionen.

Praktische Auswirkungen

Zur Veranschaulichung modellierten wir die Emissionen Portugals in vier Sektoren: Gebäude, Energie, Industrie und Verkehr. Hätte Portugal seit 2000 alle 28 wirksamen Maßnahmen konsequent umgesetzt, hätten sich die kumulierten Emissionseinsparungen auf 538 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalent belaufen.

Das entspricht etwa einem gesamten emissionsfreien Jahr in diesen Sektoren in Südkorea – dessen Wirtschaft etwa sechsmal so groß ist wie die Portugals.

Länderspezifische Analysen sind entscheidend, da sie konkrete Handlungsmöglichkeiten aufzeigen. Deutschland könnte beispielsweise durch strengere Tempolimits auf Autobahnen Fortschritte erzielen. Australien, Kanada und Japan könnten ihre Ergebnisse durch höhere Verbrauchssteuern auf fossile Brennstoffe deutlich verbessern.

Die Schlüsselmaßnahmen

Unsere Forschung zeigt: Erfolgreiche Klimapolitik beruht nicht auf einer einzigen perfekten Lösung. Es gibt mehrere Wege – doch einige Instrumente sind besonders zuverlässig: CO₂-Bepreisung, Besteuerung und Investitionen in erneuerbare Energien.

Länder wie Schweden und Norwegen haben bereits alle 28 wirksamen Maßnahmen umgesetzt (wenn auch in unterschiedlicher Intensität), was die politische Umsetzbarkeit zeigt. Selbst Vorreiter wie Deutschland haben jedoch noch Lücken.

Über den Klimabereich hinaus

Unsere Ergebnisse liefern nicht nur eine klare Liste wirksamer Klimapolitiken – auch der Ansatz selbst ist von großer Bedeutung.

Die zunehmende Komplexität betrifft viele Politikfelder: Gesundheitswesen, Bildung, Finanzregulierung oder Sozialpolitik. Überall stehen Forschende vor derselben Frage: Welche Maßnahmen wirken tatsächlich in einem komplexen Gesamtsystem?

Unser Filteransatz bietet hierfür ein Modell. Er ermöglicht es, komplexe Zusammenhänge gleichzeitig zu analysieren und dennoch verlässlich zu erkennen, was wirklich funktioniert.

Autoren: Xavier Fernández-i-Marín, Christoph Knill, Markus Hinterleitner und Yves Steinebach.

Auswahl, Übersetzung und Bearbeitung des Textes: Monika Dežela Grkman