Wer hat die Kunst erfunden? – Grace, neun Jahre alt, Belfast, Vereinigtes Königreich

Bevor wir diese Frage beantworten können, müssen wir zuerst über eine andere nachdenken: „Was ist Kunst?“ Kunst ist etwas, das Menschen schaffen, um Ideen oder Gefühle auszudrücken. Sie kann andere zum Nachdenken bringen oder Gefühle auslösen. Kunst kann vieles sein – zum Beispiel Musik, Geschichten, Gemälde oder Zeichnungen.

Höhlenmalereien werden oft als die erste Kunst überhaupt bezeichnet. Es ist jedoch möglich, dass die Menschen, die diese Bilder geschaffen haben, sie als etwas Geheimnisvolles und Mächtiges betrachteten – ganz anders als das, was wir heute unter Kunst verstehen.

Wer hat sie also gemacht, warum wurden sie geschaffen und wo kann man sie finden? In einer Höhle namens Chauvet im Süden Frankreichs entdeckten Archäologen Zeichnungen von Tieren wie Wollnashörnern und Mammuts, die vor über 10.000 Jahren ausgestorben sind. Die Menschen verwendeten schwarzen Holzkohle und roten Ocker – eine Farbe aus zermahlenem Gestein, das gekaut und in die Hand gespuckt wurde, bevor es auf die Höhlenwände aufgetragen wurde.

Einige glauben, dass diese Höhlenmalereien nicht nur zur Unterhaltung oder Dekoration dienten. Sie vermuten, dass die Zeichnungen eine Art „Magie“ darstellen sollten. Durch das Zeichnen von Tieren wie Hirschen oder Bisons glaubten die Künstler – vielleicht Jäger –, eine besondere Macht über die Tiere zu erlangen, die sie jagen wollten.

Frühe Vorstellungen von Kunst

Vor langer Zeit sagte der griechische Denker Aristoteles, dass Kunst die Welt um uns herum nachahmen soll. Für ihn gehörten nicht nur Malerei und Zeichnung zur Kunst, sondern auch Schauspiel und Reden. Da Künstler mit ihren Händen arbeiteten, wurden sie oft wie Handwerker betrachtet – ähnlich wie Köche, Friseure oder Schmiede.

Im Europa des 13. und 14. Jahrhunderts war Kunst eng mit der Kirche verbunden und sollte den Menschen helfen, sich Gott näher zu fühlen. Künstler waren Mitglieder von Zünften, die nach ihrem Handwerk organisiert waren, und galten eher als geschickte Arbeiter als als kreative Individuen.

Erst im 15. und 16. Jahrhundert, in der Zeit der Renaissance, begannen sich Künstler als Schöpfer zu sehen und nicht nur als Handwerker. Ein wichtiger Wendepunkt war das Jahr 1436, als Leon Battista Alberti ein berühmtes Buch mit dem Titel Über die Malerei schrieb, in dem er behauptete, dass Kunst ebenso wichtig sei wie Dichtung und Wissenschaft. Seine Ideen hatten großen Einfluss in der italienischen Stadt Florenz, wo berühmte Künstler wie Leonardo da Vinci, Michelangelo und Raphael wirkten.

Die Menschen begannen, Künstler als besondere Persönlichkeiten zu betrachten. Dies zeigt sich auch in einem weiteren wichtigen Werk: Die Lebensbeschreibungen der Künstler, geschrieben von Giorgio Vasari im Jahr 1550.

Kunst wurde nun in zwei Gruppen eingeteilt. Die erste waren die „schönen Künste“, zu denen Malerei, Bildhauerei und Zeichnung gehörten. Sie galten als besonders bedeutend, weil sie große Ideen und Gefühle ausdrückten. Die zweite Gruppe waren die „dekorativen Künste“, wie Glasherstellung, Holzschnitzerei oder Buchverzierung. Diese wurden als weniger wichtig angesehen, da sie vor allem schön oder nützlich sein sollten.

Wie sich das Verständnis von Kunst verändert hat

Im späten 19. Jahrhundert begann man, die dekorativen Künste mehr zu schätzen, da viele Künstler handgemachte Werke gegenüber industriell hergestellten bevorzugten. Dennoch galt die Malerei weiterhin als wichtigste Kunstform.

Dann, im Jahr 1914, veränderte ein französischer Künstler namens Marcel Duchamp die Sicht auf Kunst grundlegend.

Er begann, Alltagsgegenstände zu verwenden und sie allein durch Auswahl und Signatur zu Kunst zu machen. Diese Werke nannte er „Readymades“. Sein bekanntestes Werk heißt Fountain – tatsächlich ein Urinal, das er mit dem falschen Namen „R. Mutt“ signierte und 1917 in New York ausstellen wollte. Duchamp erklärte, dass die Entscheidung des Künstlers ausreiche, um einen gewöhnlichen Gegenstand zur Kunst zu machen.

Duchamp zeigte damit, dass Kunst nicht nur aus Malerei oder Skulptur besteht – sondern auch aus Ideen.

Heute nutzen viele Künstler ihre Werke, um wichtige Themen anzusprechen und Menschen zum Nachdenken zu bringen. In dieser Hinsicht unterscheiden sie sich nicht von Künstlern der Vergangenheit – etwa den ersten Höhlenmalern oder Duchamp, der die Bedeutung von Kunst hinterfragte.

Die Antwort auf die Frage „Wer hat die Kunst erfunden?“ ist daher ganz einfach: Die Menschheit hat die Kunst erfunden – in dem Moment, als wir begannen, Muster in den Sand zu zeichnen oder Gedanken an Höhlenwände zu übertragen.

Autorin: Frances Fowle

Auswahl, Übersetzung und Bearbeitung des Textes: Monika Dežela Grkman