Gaelle Marcel on Unsplash

Während manche Menschen ein gutes Buch genießen, greifen andere lieber zu Serien oder Videospielen. Aus Sicht der Neurowissenschaften ist Lesen jedoch weit mehr als bloße Unterhaltung – besonders während des Heranwachsens.

Bei Kindern und Jugendlichen fördert Lesen spezielle kognitive Prozesse, die das Leben im Erwachsenenalter langfristig wesentlich beeinflussen können. Die Adoleszenz ist eine entscheidende Entwicklungsphase, in der sich das Gehirn intensiv umstrukturiert. In dieser Zeit werden neuronale Verbindungen gestärkt, die für Denken, Planung und Verhaltenskontrolle verantwortlich sind.

Eine wichtige Rolle spielt dabei der präfrontale Cortex – der Teil des Gehirns, der mit exekutiven Funktionen verbunden ist. Diese ermöglichen es uns, Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten, Störungen zu regulieren und Informationen effizient zu verarbeiten. Gerade Erfahrungen wie das Lesen können in dieser Phase die kognitive Entwicklung erheblich beschleunigen und diese Fähigkeiten festigen.

Das Lesen längerer Texte aktiviert eine Reihe geistiger Prozesse, die sich im jugendlichen Gehirn noch entwickeln: Durchhaltevermögen bei einer Aufgabe, Abruf bereits erworbenen Wissens, Verknüpfen von Ideen, Vorhersagen, Erkennen von Widersprüchen und aktives Verständnis der Handlung. Lesen ist daher keineswegs passiv – es erfordert Konzentration und geistige Anstrengung.

Gerade diese Anstrengung erklärt jedoch, warum Lesen oft nicht dieselbe sofortige Befriedigung bietet wie manche andere Aktivitäten. Digitale Unterhaltung basiert auf schnellen Reizen und unmittelbarer Belohnung, während Lesen zunächst eine Phase der Konzentration verlangt, bevor sich sein eigentlicher Wert entfaltet.

Wenn das Lesen flüssig wird

Sobald sich die Lesefähigkeiten festigen, kommt es zu einem entscheidenden Wendepunkt: Das Lesen beginnt flüssig zu werden. Das Entschlüsseln von Wörtern, das Verstehen von Bedeutungen und das Verknüpfen von Informationen werden zu automatischen Prozessen, wodurch sich der kognitive Aufwand verringert. Leserinnen und Leser können dann vollständig in die Handlung eintauchen.

Die Aufmerksamkeit verlagert sich dadurch vom Verständnis einzelner Sätze hin zur Verfolgung der Geschichte, der Welt und der Figuren. Das ist der Moment, in dem Lesen für viele zum Vergnügen wird.

Lesen bringt jedoch nicht nur Freude – es stärkt auch die kognitive Entwicklung. Studien zeigen, dass sein Einfluss während der Adoleszenz außerordentlich wichtig ist, sogar größer als jener mancher anderer Faktoren, etwa des Bildungsniveaus der Eltern.

Darüber hinaus fördert Lesen die Fähigkeit, Gedanken und Gefühle anderer zu verstehen, regt zur Reflexion über die eigenen Denkprozesse an und stärkt das kritische Urteilsvermögen. Gerade diese Fähigkeiten sind entscheidend, um glaubwürdige Informationen von irreführenden Inhalten – einschließlich Fake News – unterscheiden zu können.

Andere Formen der Freizeitgestaltung fördern all diese Prozesse nicht in gleichem Maße.

Ist es wichtig, was wir lesen?

Verschiedene Arten von Texten fördern unterschiedliche Fähigkeiten. Literarische Fiktion – Romane und Geschichten mit vielschichtigen Figuren und unvorhersehbaren Situationen – stärkt besonders das Verständnis sozialer Beziehungen und emotionaler Zustände anderer Menschen. Sach- und Fachliteratur hingegen fördert vor allem analytisches Denken.

Am wichtigsten ist jedoch, dass wir das lesen, was uns anspricht. Dennoch ermöglicht eine vielfältige und qualitativ hochwertige Leseerfahrung langfristig die Entwicklung eines breiteren Spektrums an Fähigkeiten.

Was aber, wenn Lesen nicht attraktiv erscheint?

Lesen liegt nicht allen Menschen automatisch nahe. Psychologische Forschungen zeigen, dass bei anspruchsvolleren Tätigkeiten ein früher Beginn und regelmäßige Übung entscheidend sind. Lesen bildet dabei keine Ausnahme.

Positive Erfahrungen in der Kindheit führen meist zu einer positiven Einstellung gegenüber Büchern. Zwang oder uninteressante Literatur hingegen können die Lesemotivation verringern.

Deshalb ist es entscheidend, dass Bücher sowohl in Schulen als auch zu Hause zugänglich sind, dass unterschiedliche Inhalte zur Auswahl stehen und dass Lesen zu einer gemeinsamen Erfahrung wird. Nur so können junge Menschen Geschichten finden, die ihre Interessen und Fragen widerspiegeln.

Dabei sollte betont werden: Anfangsschwierigkeiten beim Lesen sind kein Zeichen von Unfähigkeit, sondern ein natürlicher Teil des Lernprozesses. Mit Ausdauer wird das Verständnis leichter und weniger anstrengend, weshalb es wichtig ist, nicht zu früh aufzugeben. Selbst jene, die die größten Schwierigkeiten haben, können vom Lesen stark profitieren.

Lesen ist keine einheitliche Erfahrung – ebenso wie Lebenswege ist es vielfältig und entwickelt sich mit der Zeit. Gerade während des Heranwachsens hat es jedoch besonderes Gewicht. Dann ist Lesen nicht nur eine kulturelle Gewohnheit, sondern ein Werkzeug zur Entwicklung von Aufmerksamkeit, Fantasie, Verständnis und komplexem Denken.

Die Entscheidung, nicht zu lesen, bedeutet daher nicht nur den Verzicht auf eine Form der Freizeitgestaltung. Sie bedeutet auch den Verlust eines wertvollen Werkzeugs für die intellektuelle Entwicklung sowie für eine ganzheitliche, kritische und gesellschaftlich verantwortungsbewusste Bildung.

Autoren: Lucía B Palmero Jara – Assistenzprofessorin für Grundlagenpsychologie, Eva Mª Rosa Martínez – Professorin am Institut für Grundlagenpsychologie, Javier Roca – Universitätsprofessor im Bereich Entwicklungs- und Bildungspsychologie, Marina Pi-Ruano – Assistenzprofessorin am Institut für Entwicklungs- und Bildungspsychologie, Pilar Tejero Gimeno – Professorin für Wahrnehmung und Aufmerksamkeit sowie Gedächtnispsychologie

Auswahl, Übersetzung und Bearbeitung des Textes: Monika Dežela Grkman