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In den vergangenen Jahren haben zahlreiche Studien darauf hingedeutet, dass Plastikpartikel aus Flaschen, Lebensmittelverpackungen und Abfällen im menschlichen Blut, in der Lunge, in der Plazenta, in Arterien und sogar im Gehirn nachgewiesen wurden. Eine aktuelle Untersuchung der Zeitung The Guardian legt jedoch nahe, dass einige dieser Befunde weniger belastbar sein könnten als zunächst angenommen.
Die Vorstellung, dass sich winzige Plastikfragmente im menschlichen Körper anreichern, wirkt beunruhigend. Diese Sorge speist sich vor allem aus Erkenntnissen, wonach Nanoplastik – die kleinsten Plastikteilchen – Tierembryonen schädigen und im Labor gezüchtete menschliche Zellen beeinträchtigen kann. Größere Partikel, sogenannte Mikroplastikpartikel, gelten hingegen bislang nicht als nachweislich schädlich für Lebewesen bei Aufnahme – zumindest fehlen entsprechende Belege.
Dem Bericht des Guardian zufolge gehen einige Wissenschaftler davon aus, dass es sich bei Nachweisen von Plastik im menschlichen Körper teilweise um Fehlalarme handeln könnte. Von wissenschaftlichem Fehlverhalten ist dabei keine Rede. Vielmehr wird vermutet, dass Gewebeproben unbeabsichtigt im Labor kontaminiert wurden oder dass etwa körpereigene Fette Messergebnisse erzeugten, die fälschlicherweise als Plastik interpretiert wurden.
Ein Beispiel für solche Kontroversen: Im Februar 2025 veröffentlichte die Fachzeitschrift Nature Medicine eine Studie, die auf einen „Trend steigender Konzentrationen von MNP (Mikro- und Nanoplastik) im Gehirn und in der Leber“ hinwies. Im November desselben Jahres erschien in derselben Zeitschrift ein kritischer Brief einer anderen Forschergruppe, die die angewandten Methoden infrage stellte.
Solche Auseinandersetzungen werfen eine zentrale Frage auf: Sind kleine Plastikpartikel tatsächlich im gesamten menschlichen Körper verbreitet – oder ist die wissenschaftliche Datenlage noch zu unsicher, um solche Aussagen zu stützen?
Unstrittig ist, dass Plastikverschmutzung allgegenwärtig ist. Kleine Partikel finden sich nahezu überall, eine Exposition lässt sich kaum vermeiden. Ihr Nachweis in menschlichem Gewebe – insbesondere von Nanoplastik – ist jedoch technisch anspruchsvoll und erfordert hochentwickelte Analyseverfahren.
Die meisten Studien folgen einem ähnlichen Ablauf: Biologische Proben wie Blut oder Gewebe werden bei Operationen oder Obduktionen entnommen und anschließend mit empfindlichen Instrumenten untersucht, die Plastik anhand seines chemischen „Fingerabdrucks“ identifizieren.
Ein zentrales Problem ist die Kontamination. Plastikfasern und -partikel sind allgegenwärtig – in der Luft von Laboren, in Operationssälen, in Kleidung und Geräten. Besonders kritisch ist, dass sie sich auch in Einweg-Laborutensilien wie Spritzen, Pipetten oder Zentrifugenröhrchen befinden können – also genau in jenen Werkzeugen, mit denen Proben verarbeitet werden.
Selbst geringste Mengen solcher Verunreinigungen können Messergebnisse verfälschen, insbesondere wenn Forscher extrem kleine Partikel in sehr niedrigen Konzentrationen nachweisen wollen.
In der Analytik gehört es daher zum Standard, sogenannte Blindproben oder Kontrollproben mitzuführen, um das Ausmaß der Hintergrundkontamination zu bestimmen. Kritiker bemängeln, dass solche Kontrollen in einigen Studien nicht konsequent berücksichtigt wurden.
Gleichwohl waren die kritisierten Arbeiten ernsthafte Versuche, eine drängende Frage in einem dynamisch wachsenden Forschungsfeld zu beantworten. Unstimmigkeiten und Korrekturen sind ein wesentlicher Bestandteil wissenschaftlicher Arbeit – insbesondere bei Themen, die große öffentliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen.
Fokus womöglich auf die falschen Partikel
Grundsätzlich unterscheidet man zwei Kategorien kleiner Plastikpartikel: Mikroplastik (etwa in der Größe von Pollenkörnern) und die deutlich kleineren Nanoplastikpartikel (vergleichbar mit manchen Viren). Mikroplastik lässt sich relativ gut nachweisen, während Nanoplastik nur mit modernsten Methoden erfasst werden kann.
Viele Studien konzentrieren sich auf Mikroplastik, da es einfacher zu messen ist. Für die menschliche Gesundheit könnte jedoch gerade Nanoplastik entscheidend sein. Diese Partikel können biologische Barrieren überwinden, sind in Zellkulturen toxisch und haben in tierexperimentellen Studien schädliche Effekte auf die Embryonalentwicklung gezeigt.
Nanoplastik kann in Zellen eindringen und dort Schäden verursachen oder zum Zelltod führen. Mikroplastik hingegen ist meist zu groß, um von Zellen aufgenommen zu werden.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Mikroplastik unbedenklich ist. Es könnte vom Immunsystem als Fremdkörper erkannt werden und Entzündungsreaktionen auslösen – auch wenn hierzu noch weitere Forschung notwendig ist. Zudem kann Mikroplastik wie ein Schwamm wirken, der Schadstoffe aus der Umwelt bindet und möglicherweise in den Körper transportiert.
Zurückhaltung statt Panik
Die Debatte über Risiken kleiner Plastikpartikel kann den Eindruck erwecken, das gesamte Forschungsfeld sei fragwürdig – doch das ist nicht der Fall. Im Gegenteil: Forschende, insbesondere im Bereich der Messmethoden, drängen auf höhere Standards, die sich derzeit rasch entwickeln.
Labore sensibilisieren sich zunehmend für Kontaminationsrisiken, und Ergebnisse werden häufiger mit mehreren Analyseverfahren überprüft. Ziel ist es, standardisierte Methoden für den Nachweis von Mikroplastik in menschlichen Geweben zu etablieren.
Angesichts alarmierender Schlagzeilen gilt derzeit vor allem eines: Besonnenheit. Es gibt bislang keine eindeutigen Belege dafür, dass sich große Mengen Plastik in menschlichen Organen anreichern oder dass beobachtete Trends tatsächliche biologische Entwicklungen widerspiegeln.
Dennoch erscheint es sinnvoll, die alltägliche Belastung mit Plastikpartikeln zu reduzieren, wo es praktikabel ist – etwa durch den Verzicht auf Lebensmittel in Kunststoffverpackungen, bessere Belüftung von Innenräumen oder einfache Wasserfiltersysteme wie Aktivkohlefilter.
Die intensive Debatte mag verunsichern, ist aber Ausdruck eines jungen Forschungsfeldes auf dem Weg zur Reife. Mit verbesserten Methoden und präziseren Analysen wird sich das Bild weiter schärfen. Entscheidend bleibt, dass Aussagen über Plastik im menschlichen Körper auf belastbaren wissenschaftlichen Belegen beruhen.