In ganz Skandinavien fahren viele Menschen auch im Winter mit dem Fahrrad zur Arbeit oder zur Schule – trotz Schnee und eisiger Temperaturen.

In der Region Stockholm in Schweden nutzen beispielsweise rund 34 % der Bevölkerung in den Wintermonaten zumindest gelegentlich das Fahrrad. Auch im norwegischen Oslo ist das Winterradfahren in den letzten Jahren deutlich angestiegen: 2022 wurden bereits 15 % aller Wege im Winter mit dem Fahrrad zurückgelegt, gegenüber nur 7 % im Jahr 2015.

Ich lebe in der kleinen Stadt Lund im Süden Schwedens und bin selbst Winterradfahrer. Selbst bei Temperaturen von –5 °C bis –10 °C und schneebedeckten Straßen fahre ich mit dem Rad von zu Hause los: Ich bringe ein Kind zur Schule, das andere in den Kindergarten und fahre anschließend weiter zur Arbeit. An jedem Werktag lege ich etwa fünf Kilometer zurück. Für mich ist das die beste und zugleich günstigste Lösung. Den Großteil der Strecke fahre ich auf städtischen Radwegen. Im Winter trage ich meist nur eine warme Jacke, ohne spezielle Fahrradausrüstung. Die meisten Eltern bringen ihre Kinder selbst im Winter mit dem Fahrrad zur Schule.

Winterradfahren ist jedoch keineswegs nur ein schwedisches Phänomen. Studien zeigen, dass auch die dänische Hauptstadt Kopenhagen in den kälteren Monaten ein hohes Radverkehrsniveau aufweist. Rund 66 % der Radfahrenden geben an, ihr Fahrrad auch im Winter zu nutzen. Viele berichten, dass sie sich im Verkehr oft bevorzugt und sicher fühlen, und betrachten das Fahrrad als effizientes Verkehrsmittel. Selbst im Winter bleibt es für viele innerstädtische Wege die schnellste und bequemste Option.

In Schweden, insbesondere im Norden des Landes, sind Spikereifen für Fahrräder weit verbreitet, während sie in Lund eher selten genutzt werden. Untersuchungen zeigen jedoch, dass solche Reifen den Grip und die Bremsleistung auf Eis deutlich verbessern.

Schneebedeckte Radwege können auftauen und anschließend wieder gefrieren, wodurch matschige und vereiste Oberflächen entstehen, die schwer zu befahren sind. Viele skandinavische Städte – darunter Kopenhagen – begegnen dieser Herausforderung, indem sie den Winterdienst auf Radwegen priorisieren. Rechtzeitiges Schneeräumen sowie rutschhemmende Maßnahmen, etwa eine Mischung aus Sand und Salz, erhöhen die Sicherheit und motivieren Menschen, auch bei Kälte weiter Fahrrad zu fahren.

Studien belegen zudem, dass der Zustand der Fahrbahn einen entscheidenden Einfluss auf die Entscheidung hat, ob Menschen das Fahrrad nutzen. Das Räumen von Schnee ist dabei der wichtigste Faktor, während rutschhemmende Maßnahmen dazu beitragen, Unfälle zu reduzieren. Eine gute Instandhaltung der Radwege sowie geeignete Ausrüstung fördern die ganzjährige Nutzung des Fahrrads.

Empfehlungen lokaler Behörden betonen häufig sichere Verhaltensweisen beim Winterradfahren, etwa die Anpassung der Geschwindigkeit an die Witterungsbedingungen. Zusammen mit Erfahrung im Fahren bei schlechtem Wetter und gut geräumten Wegen ermöglichen diese Faktoren es Radfahrenden, auch unter anspruchsvollen Bedingungen zuverlässig zur Arbeit zu gelangen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Infrastruktur: Städte in Schweden und Dänemark verfügen in der Regel über vom Autoverkehr getrennte Radwege und gewähren Radfahrenden an Kreuzungen klare Vorrechte. Elemente wie Fahrradbrücken oder eigene Ampeln für Radfahrende erleichtern den Verkehrsfluss und reduzieren Konflikte mit motorisierten Fahrzeugen – besonders bei schlechter Sicht oder nassen Straßen.

Dort, wo die Infrastruktur weniger gut ausgebaut ist oder Radfahrende sich schnellen Autos im Mischverkehr stellen müssen, verstärken winterliche Bedingungen Stress und schrecken vom Radfahren ab.

Besser für die Umwelt

Winterradfahren spielt eine wichtige Rolle für nachhaltige Verkehrspolitik und das Erreichen von Klimazielen. Jede Fahrt mit dem Fahrrad ersetzt eine Autofahrt – insbesondere solche mit Kaltstart, die überdurchschnittlich hohe Emissionen und Luftverschmutzung verursachen. Studien zeigen, dass ein besserer Winterdienst auf Radwegen Unfälle reduzieren kann, während Winterradfahren insgesamt den Autoverkehr verringert.

Regelmäßiges Radfahren im Winter trägt zudem dazu bei, Staus zu reduzieren und den öffentlichen Verkehr in Spitzenzeiten zu entlasten.

Eine gute Verknüpfung von öffentlichem Verkehr und Fahrrad erleichtert auch längere Wege. Sichere Fahrradabstellanlagen an Bahnhöfen sowie die Möglichkeit, Fahrräder in Zügen mitzunehmen, fördern die Nutzung des Fahrrads zumindest auf einem Teil der Strecke.

Dass in Skandinavien auch im Winter so viel Rad gefahren wird, liegt nicht an einer besonderen Härte der Menschen. Entscheidend sind vielmehr konsequente Planung, verlässliche Wartung und eine Kultur, die das Fahrrad als selbstverständlichen Teil des Alltags betrachtet. Wenn Städte das Fahrrad als zentrales Verkehrsmittel und nicht nur als saisonale Option behandeln, bleiben die Menschen auch bei Schnee im Sattel.

Till Koglin, Senior Lecturer und Reader für Verkehrs- und Mobilitätsplanung, Universität Lund

Auswahl, Übersetzung und Bearbeitung des Textes: Monika Dežela Grkman